Zweifel? Zweifel!
Die Bosch-Forschung ist gepflastert mit Irrtümern, wie könnte es diesmal anders sein?
Wer die bisherigen Erklärungen des Gartens der Lüste kennt, für den muss, was hier in den ersten zehn Beiträgen skizziert wurde, unglaublich klingen. Scheint nicht geradezu unmöglich, dass ein umfangreiches psychologisches System (siehe hier, hier und hier) im Garten der Lüste so lange übersehen worden wäre? Skepsis ist sehr angebracht, Zweifel sind immer nützlich. Die Bosch-Forschung ist gepflastert, wie sollte es anders sein, mit Irrtümern. Tatsächlich – ohne Koketterie – ist noch nicht ausgemacht, ob sich der hier vorgestellte Ansatz als neues Paradigma im Verständnis des Bildes etablieren kann oder ob ich als fleißigster Irrgänger nach Wilhelm Fraenger klassifiziert werden muss.
Die hier von 1 bis 10 skizzierte Herleitung hat nicht nur diese Zweifel (‚Das kann nicht sein!‘) auszuhalten. Sie hat eigene Handicaps. Der Anfang scheint heikel zu sein. Warum sollte das Rad der Sinne in die Landschaft projiziert und also versteckt worden sein?
Zunächst einmal – ich gehe vom Bild aus – war da eine 5er-Struktur, der bisher keine Beachtung geschenkt worden war. Je näher ich sie betrachtete, desto deutlicher wurde, wie intensiv Bosch sie vor allem im oberen Bereich herausgearbeitet hat, indem er die ‚Fruchtschalen‘ miteinander verband.

Dies geschieht so beiläufig wie formal elegant. Der Mann überkopf, die Hände auf den Genitalien (über dessen literarischen Hintergrund Erik de Bruyn im Madrider Katalog 2016 kenntnisreich und sehr unterhaltsam berichtet hat) spreizt seine Beine und verbindet Sehsinn und Geruchssinn punktgenau bis in die Zehenspitzen.
Vom Geruchssinn setzt sich der Kreis zum ‚finalen‘ Hören fort: durch den Bogen von Distelblüte und Schmetterling, die sich gleichsam herüberbeugen, ebenso durch den langen hellen Distelstrunk und die Kohlmeise (siehe folgende Abbildung). Im unteren Bereich erfüllen Figuren diese kompositorische Funktion, die Stationen des Rades zu verbinden.
Diese 5er-Form verlangte also eine Erklärung. Auf die Beobachtung folgt der Gedanke. Aus dem Gedanken entsteht, wenn er nicht verworfen wird, eine These. Konkret: Zunächst waren andere Bedeutungen für die 5er-Struktur – wie fünf Liebes- oder fünf Sündenstufen, fünf Wunden und vieles andere auszuschließen. Der Eintrag für die Zahl Fünf im Lexikon der mittelalterlichen Zahlenbedeutungen von Heinz Meyer und Rudolf Suntrup zählt 39 Spalten.
Bei diesem Vorgang hatten sich die ersten drei Stationen der 5er-Struktur recht schnell sinnvoll als Geschmack, Tastsinn und Sehsinn erklären lassen: die These Fünf Sinne war naheliegend. Daraufhin fällt zwangsläufig der Muschelträger als prägnanter sechster Punkt in den Blick, als Nabe eines Rades der Sinne.

Spätestens damit schlägt die Angelegenheit – Karl Popper zufolge viel früher – von der Induktion in die Deduktion um – was nicht zu vermeiden ist. Das heißt, Schritt für Schritt sucht man die Umgebung danach ab, was die These bestätigen könnte. Alles andere fällt, jedenfalls bis zu Falsifizierungsversuchen, durch das Raster.
Nun ist die Kunstgeschichte eine nur selten logische Wissenschaft und bringt es dennoch immer wieder zu besseren Ergebnissen. Das erste Kriterium für den Neuigkeitsgrad einer These, eine genauere Erklärung des Untersuchungsgegenstandes zu liefern, ist jedenfalls zweifelsfrei erreicht: Erstmalig wird ein wesentlicher Teil der Mitteltafel überhaupt detailliert erklärt.
Ohne auszuschweifen: Das identifizierte Rad der Sinne – um 1500 lange vor einer szenischen Konvention für das Thema – hat selbstverständlich nahegelegt, in diesem Milieu, bei der Seele und ihren Kräften, weiterzusuchen. Dass das System der inneren Sinne, der Geisteskräfte, und die äußeren Fünf Sinne sich dann gegenseitig in einem Zirkelschluss bestätigen, liegt auf der Hand. Sagen wir es lax: Aus der Prämisse, also vom Modell der fünf äußeren Sinne aus, zu spekulieren, dass daneben ein Modell der inneren Geisteskräfte inszeniert sein könnte, ist an sich nicht logisch, heuristisch aber naheliegend. Als die These sich verdichtete, erfolgte dies gleichsam, um einen Begriff des Kritischen Rationalismus zu gebrauchen, als empirische Bewährung. Übersieht man das Zusammenspiel der Details, die das System der Geisteskräfte im Lüste-Garten sogar recht genau kennzeichnen, möchte man – jedenfalls ich – nicht annehmen, dass all das Zufall sein kann. Oder könnte es doch Zufall sein?
Ist vielleicht schon der Anfang falsch, und es ist gar nicht erlaubt, aus der Tiefe der Landschaft ein Rad der Sinne zu extrahieren? Eine falsche Prämisse als Startpunkt einer intellektuell immerhin respektablen Akrobatik, die sich aus hunderten Bilddetails bedient, für die Theologie, Prä-Psychologie und allgemeine Geistesgeschichte tausende Argumente liefern, mit denen ein zwar faszinierendes, aber fatal falsches Ergebnis gestrickt wurde? Ich kokettiere nicht.
Mein erstes Gegenargument habe ich genannt: Der Maler hat treffliche Entscheidungen gefällt, die sehr für die 5er-Struktur in der Landschaft sprechen. Man kann mit dieser Prämisse arbeiten. Zweitens: Die Prämisse erlaubt ein schönes detailliertes und komplexes Verstehen des Bildes. Aber, noch einmal, keine Theorie hat wegen ihrer größeren Konsistenz a priori einen höheren Wahrheitsgehalt als eine bruchstückhafte Theorie.
Das Bild gewinnt auch an sozialhistorischer Verortung, es spiegelt die Diskussionen um Phantasie, Verstand und Wille um 1500. Der Garten der Lüste wird en détail und an seinem historischen Platz verständlich (das ist hier noch darzustellen). Dagegen erklären frühere Interpretationen immer nur Details oder verzichten gleich auf konkrete Deutungen, weil die durch ein „change of signification“ gar nicht angelegt seien (hier folgend).


Methodisch ähnlich auch in dieser Hinsicht: Rechts ein aus der Schale ragendes Bein – was könnte der zu ergänzende Körper tun? Links ein überzähliger Arm, an den Fisch greifend – was könnten Oberkörper/Kopf gerade tun? Freilich verbinden auch die beiden Vögel die Stationen paradigmatisch.
Zweifel sind produktiv und haben bereits viel zum Ergebnis beigetragen. Lange hatte ich das Verhaltensgebot nicht zufriedenstellend erklärt, bis sich durch eine Re-Lektüre von Wilhelm von Sankt-Thierry ein besserer Weg eröffnete. Nachdem das Baum-Zelt als Form des Verstandes identifiziert war, dachte ich zunächst, das Augustinische Ternar memoria, intelligentia, voluntas sei inszeniert. Das ging nicht auf. Dementsprechend sind die Identifizierung des mittleren Portals mit dem Anbau als Imagination/Gedächtnis und des weißlichen-bläulichen Säulenstumpfes als negative Phantasie ebenfalls erst durch Zweifel an den Thesen bis dahin möglich geworden. Bis 2018 dachte ich, die Frau in der sogenannten Höhle erwache aus ihrem Sündentraum (mit didaktischen Elementen) und alles sei gut. Die Infamie, die das Erwachen begleitet, habe ich erst später verstanden. Erst durch Rosa Alcoys Buch von 2020 (El Bosco en dos tripticos del Museo del Prado) erhielt ich Gewissheit für die ältere These, dass die Hölle theologisch betrachtet eine Vision nach Psalm 68 (Vulgata) sei (ein Beitrag darüber folgt). Tatsächlich erst im vergangenen Jahr habe ich kapiert, dass auch das Schließen der Lücke des Reiterkreises, also die Fortsetzung des Rittes nach einem kurzen Stopp, eine theologische Bedeutung hat (ein Eintrag folgt, kurz hier). Sehr lange blieb eine zwar marginale, aber als Argument nützliche Parallele unbeachtet: Das aus der Fruchtschale für den Geruchssinn herausragende Bein verbindet diese Station mit der Fruchtschale für den Geschmack – wo ein Arm zu viel ebenso nach dem dazugehörigen Körper fragen lässt, wie das Bein beim Geruchssinn. Die Parallele ist ein zusätzliches Argument dafür zu überlegen, wie die Fruchtschale viel weiter hinten in der Landschaft und diejenige mittig im Vordergrund zusammengehören.
Was hier folgen wird, ist relativ spontan und abhängig von anderen Beschäftigungen. Nicht allzu fern ist an die Zeitstruktur (10) anzuknüpfen. Zunächst aber erörtere ich im nächsten Beitrag (12) Vorurteile, die einen Teil der Bosch-Forschung behindert haben. Es wurde gar nicht mehr nach dem ‚Schlüssel‘ oder den ‚Schlüsseln‘ für die Tür in den Garten der Lüste gesucht. Man begnügte sich mit den paar Löchern, die Panofsky zufolge nur gelungen ist, durch diese Tür zu bohren.