Der Garten der Lüste · Teil 13

Weitere Widerstände und Irrwege

Der Garten der Lüste und die neue ‚prometheische Scham‘

Die 2025 online gegangene Webseite des Bosch-Zentrums in ’s-Hertogenbosch Closertobosch.nl beruht auf Ergebnissen des Bosch Research and Conservation Project (BRCP). Über den Garten der Lüste ist dabei nichts Neues zu erfahren. Leider stand das Bild als heftig beschützter Prado-Besitz für diese großartige Unternehmung nicht zur Verfügung. Die beeindruckendsten Ergebnisse des BRCP sind die ausgewerteten Makroaufnahmen und andere Aufzeichnungen von Unterzeichnungen und Malstrukturen, eine Vielzahl von Farb- und anderen Materialstudien. Das ist nicht beckmesserisch gesagt. Es sind Ergebnisse, die den technologischen Laien baff erstaunen lassen, weil er ihre Begründungen oft nicht versteht, geschweige denn, dass er in der Lage wäre, sie zu prüfen. Selbst Schlüsse daraus zu ziehen, ist riskant.

Die in Auswertung seiner Arbeit für das BRCP entstandene Dissertation von Luuk Hoogstede ist auch als Buch erschienen: Jheronimus Bosch, Conservation and Restoration. From former Glory to changing Appearances, Turnhout: Brepols, 2025. Zweifelsfrei eine wunderbare Fundgrube. Darin zeigt sich Hoogstede skeptisch, dass man der Oberfläche des Gartens der Lüste noch vertrauen könne. Er geht dabei auch recht kritisch mit seinen früheren Kollegen um. Die Zeiten hatten dem Bild sehr zugesetzt, wie alte Aufnahmen zeigen. Dabei scheinen auch Irrwege gegangen worden zu sein.

Für den merkwürdigen roten Streifen unter dem Baum-Zelt (aktueller Zustand in der Mitte) war offenbar guter Rat teuer. Eigentlich kann man den roten Fetzen unter dem Zelt nicht identifizieren und wundert sich zunächst, wonach der Fisch dort schnappe. Vor der neuesten Restaurierung scheint dort sogar eine Blume ‚hineingelegt‘ gewesen zu sein (klein rechts). Sie wurde entfernt. Sinnvoll wird das Stück Farbe erst, wenn man es als einen der Äste versteht, die oben im ‚Baum‘ abgesägt worden sind – wie das in der ruinösen Budapester Kopie (links, und in besseren Kopien in Privatbesitz) noch erkennbar ist. Eine solche Form für das Prado-Bild neu erschaffen wollten die Restauratorinnen offenbar nicht, was ganz und gar verständlich ist.

Am meisten hatte die Farbschicht im Bereich des ‚kleinen Paradieses‘ rechts am Rand gelitten, glücklicherweise vor allem bei den Früchten. Dagegen sind die Figuren-Haltungen erkennbar. Leider betrifft die Zerstörung auch einen ‚agnatischen Ast‘, der am auseinanderstrebenden ‚Ehe-Emblem‘ – was hier noch ein Rätsel bleibt – aus einem Handgelenk aufsteigt – dazu später. Insgesamt aber bin ich nicht gar so skeptisch wie der Restaurator, dass dem Garten der Lüste aufgrund seines materiellen Zustands nicht auf die Schliche zu kommen ist.

Glücklicherweise hält sich die Boschforschung nicht an die Verdikte, der Garten der Lüste sei als nur möglichst fantastisches, erfindungsreiches topsy turvy gar nicht zu verstehen. Doch ohne die anregenden Beobachtungen in den Büchern von Rosa Alcoy (2020) und Margaret Carroll (2022) zu unterschätzen: Was derzeit am schnellsten fortzuschreiten scheint, sind die technischen Untersuchungsmöglichkeiten. Schon das BRCP feierte sich durchaus zu Recht dafür, dass seine nicht zu knapp technologische Untersuchung die ‚neue Art der Kunstgeschichte‘ sei. Gleichwohl gab es dadurch keine Annäherung zum Beispiel über den ‚zweiten Bosch‘. Fritz Koreny hatte mit traditioneller ‚Kennerschaft‘ einen ‚Meister des Prado-Heuwagens‘ etabliert und ihm wesentliche Werke zugeschrieben. Eine Einigung oder zumindest Annäherung steht aus; die besseren technologischen Untersuchungen haben nicht dazu beigetragen.

Die von höherer Warte mitgeteilte Deutung hat mehr Glaubwürdigkeit, ob vom BRCP oder aus New York, Nijmegen, Cambridge usw., das Ex-cathedra-Prinzip. Das ist für jemanden, der ganz vom Rand des Spielfeldes spricht, heikel. Ich bin entsprechendem Misstrauen schon begegnet: Nicht nur ohne Institution, gleich ohne kunsthistorische Karriere: Das ist dessen Hobby! Und schlimmer: Ein Journalist, der es mit den Quellen nicht so genau nimmt! Und dann noch aus dem deutschen Osten, oh Gott, und in der DDR ausgebildet, Teufel auch! Wie kann man so einem glauben! Nein, bitte nur den eigenen Augen und dem eigenen Verstand – jedenfalls keiner Autorität.

Wie weiter? Warten auf die nächste die Farbschichten noch besser trennende Kamera? Auf das nächste bildanalytische Verfahren? Vielleicht sollten wir tatsächlich warten, bis die Bilderkennung nicht nur bei Krebs, sondern für die ältere Malerei so weit fortgeschritten ist, dass alle Irrtümer, aller Streit vorbei ist, weil jede menschliche Wohlbegründung nur ein späterer Irrtum sein kann? Vielleicht haben wir uns schon lange auf dieses Warten vorbereitet? Schon mit den Diagnosen, das Bild sei doch gar nicht dazu gemacht, sprachlich-intellektuell verstanden zu werden?

Zeigt nicht die technologische Präferenz der letzten Jahre genau in diese Richtung? Hat die neue ‚prometheische Scham‘, um den so ungeheuer aktuellen Begriff von Günther Anders zu benutzen, hat das Erbleichen vor dem ‚Überwesen Technik‘ auch die Bemühungen zum intellektuellen Verständnis des Bildes erlahmen lassen? Ein Forschungsprojekt muss her, das die KI mit all dem niederländischen, französischen, deutschen, lateinischen Wort- und dem Bildmaterial füttert, das irgendwie relevant sein könnte.

Ich kann darauf leider weder warten noch vertrauen und rufe daher alternativ zum Transhuman Turn den Eudaimonic Turn für den Garten der Lüste aus. Genießen wir die letzten Tage des uns gegebenen Denkens, lassen wir den guten Geist durch das Triptychon wandeln, das gute Leben und Lieben erproben. In dieser Hinsicht, siehe die Rubrik Kaffee oder Weinberg, weiß ich mich mit dem Garten der Lüste eins.

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